Marienhain
Kinder- und Jugendwohnheim

Heilpädagogik

Im Wesentlichen zielt die Heilpädagogik darauf ab, Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten bzw. Verhaltensstörungen  durch den Einsatz entsprechender pädagogisch-therapeutischer Angebote zu helfen.  

Heilpädagogisches Arbeiten und Handeln bedeutet seinen Gegenüber (in erster Linie den Kindern und Jugendlichen sowie deren Eltern) wertzuschätzen, einfühlend gegenüber zu treten und echt zu sein. Mit dieser offenen Haltung gelingt es, einen guten Kontakt zu den Kindern, Jugendlichen und den Eltern herzustellen.  

Sobald eine vertrauensvolle Basis geschaffen ist, geht es um das Verstehen, weshalb ein Kind oder ein Jugendlicher bestimmte, störende Verhaltensweisen zeigt. Auffälligkeiten sind hier z.B. einnässen, einkoten, aggressive Verhaltensweisen, lügen, stehlen, flüchten etc.. Um dem Kind oder Jugendlichen zu ermöglichen, dieses Verhalten zu verändern, gibt es unterschiedliche pädagogische und therapeutische  Angebote, welche später kurz vorgestellt werden.  

 

Heilpädagogische Praxis / Leistungen

1. Heilpädagogische Spieltherapie
Die Spieltherapie ist ein wesentliches Merkmal der heilpädagogischen Arbeit. Das Kinder- und Jugendwohnheim verfügt über ein internes Spielzimmer.

 Innerhalb der Spieltherapie befindet sich das Kind für eine fest vereinbarte Dauer von 45 Minuten im Mittelpunkt des Geschehens. Das Kind bestimmt somit selbst, wie es „seine Zeit“ gestaltet und die Form wie weit es sich ausdrückt / öffnet.

Die bewusste Selbstbestimmung führt dazu, dass das Kind einen Zugang zu seinem Selbst herstellt und idealerweise Gefühle und Geschehnisse über das Spiel ausdrückt und verarbeitet. Mittels des Spiels kann das Kind durch die fachliche Begleitung dazu befähigt werden, auf der seelischen Ebene seine Vergangenheit und Gegenwart zu thematisieren und sich selbstwirksam zu erleben. Auch kann das Kind korrigierende Erfahrungen sammeln und sein Selbstbild neu gestalten.

 

 

2. Personenzentrierte Gesprächstherapie
Die personenzentrierte Gesprächstherapie ermöglicht den Kindern / Jugendlichen, sich innerhalb eines fest vereinbarten Gesprächs im Mittelpunkt des Zusammentreffens zu sehen. Ähnlich wie in der Spieltherapie bestimmt das Kind / der Jugendliche selbst, welche Themen innerhalb des Gesprächs Raum finden und thematisiert werden. Durch die personenzentrierte Haltung nach Carl Rogers wird den Kindern / Jugendlichen mit Echtheit, Wertschätzung und Empathie entgegengetreten. Mittels der Haltung und dem Instrument der Sprache der Annahme wird eine vertrauensvolle Basis geschaffen. Diese sinnstiftende Beziehung ermöglicht dem Kind / Jugendlichen, vorhandene Themen anzusprechen. Die Gesprächstherapie sieht nicht vor, dass dem Klienten Lösungswege vorgegeben werden. Mittels der Bewusstmachung der Situation wird der Klient prozesshaft dazu befähigt, eigene Lösungen zu entwickeln.

 

 

3. Verhaltensmodifikation
Die Verhaltensmodifikation bezeichnet die Anwendung psychologischer Lerntechniken zur Veränderung eines abweichenden bzw. unerwünschten Verhaltens. Der Heilpädagoge wird aufgrund eines konkreten Wunsches (Ziel im Hilfeplangespräch; Eltern; Lehrer; Mitarbeiter) über ein Störverhalten informiert und erarbeitet einen individuellen Plan zur Reduzierung dieses Verhaltens. Prozesshaft werden Ziele gesetzt und nach erfolgreicher Absolvierung erhöht, bis das störende Verhalten für das Kind / den Jugendlichen sowie dem Auftragsgeber abgeschwächt worden ist.

 

 

4. Anamnese
Die heilpädagogische Anamnese zielt darauf ab, ein detailliertes Bild von der Entwicklung und der Persönlichkeitsstruktur des Kindes / Jugendlichen zu erhalten. Mit Hilfe der gewonnenen Informationen können Rückschlüsse auf psychische Vorgänge gezogen werden, welche die Störungen / Symptome des Kindes / Jugendlichen verursachen.
Ein weiterer Aspekt der heilpädagogischen Anamnese ist die Förderung einer Basis des Vertrauens zwischen den Eltern und dem Fachpersonal.

 

Einsatzgebiet der Heilpädagogischen Fachkraft

Die heilpädagogische Fachkraft arbeitet in erster Linie mit dem Kind zusammen. Wie beschrieben finden einmal pro Woche für die Dauer von 45 Minuten Einzelsettings statt. Innerhalb dieser Settings lernt die Fachkraft das Kind zunächst für die Dauer von ca. 4 Wochen kennen. Während dieser Phase betrachtet die Fachkraft das Kind zunächst isoliert von der Umwelt. Sobald eine vertrauensvolle Basis entsteht, beginnt die Fachkraft Informationen aus den einzelnen Mikrosystemen (unmittelbare Lebensbereiche) des Kindes zu erlangen. Die Arbeit in den einzelnen Mikrosystemen ist von hoher Bedeutung, da sich das Kind immer aus bestimmten Gründen entsprechend verhält und nie losgelöst von seinen Systemen betrachtet werden kann. Somit steht es in Wechselwirkung zu seinen Mikrosystemen. 
Die Mikrosysteme teilen sich in folgende Bereiche auf:

 

1. Bereich Wohnen
Der Bereich Wohnen umfasst die vorrübergehende Fremdunterbringung in das Kinder- und Jugendwohnheim Marienhain in Vechta. Die heilpädagogische Fachkraft sucht die Nähe zu dem Kind und begleitet es bei den unterschiedlichen Tätigkeiten wie z.B. Erledigung der Hausaufgaben, Freizeitangebote, Hobbys, Vereinsleben, Einnahme der Mahlzeiten, Zu Bett bringen. Der Bereich Wohnen gibt detaillierte Einblicke bezüglich der Rangordnung unter den Kindern, dem Stellenwert in der Gruppe sowie die Funktion innerhalb des Systems Gruppe. Auch bekommt die Fachkraft Informationen darüber, wie das Selbstwertgefühl des Kindes ausgeprägt ist.

 

 

2. Bereich Schule
Der Bereich Schule umfasst sämtliche Angelegenheiten bezogen auf das Kind und dessen Schulalltag. Sofern die Lehrkräfte vor Ort die heilpädagogische Begleitung akzeptieren, kann eine sinnstiftende Zusammenarbeit entstehen. Im Idealfall tauscht sich die heilpädagogische Fachkraft mit dem zuständigen Lehrpersonal aus. Dazu werden feste Gesprächstermine vereinbart. Die intensive Zusammenarbeit mit den zuständigen Lehrkräften unterstützt die Fachkraft, ein detailliertes Bild über das Kind zu entwickeln. Im Fokus stehen sowohl positive als auch negative Attribute, welche dem Kind zugeschrieben werden. Die Fachkraft macht es sich zur Aufgabe, eine Idee von dem Kind und dessen Selbstkonzept zu entwickeln. Mittels des umfangreichen Austauschs können für das Kind schwierige Situationen wie beispielsweise Mobbing Angriffe gelöst werden.

 

 

3. Bereich Freizeit
Der Bereich Freizeit umfasst sämtliche Tätigkeiten, welche das Kind während seiner freien Zeit (in der Regel ab 15:00 Uhr bis 18:00 Uhr) unternimmt. Folgende Freizeitangebote stehen den Kindern- und Jugendlichen des Marienhains zur Verfügung: Spielewiese, Spielbalkon, Gruppen Spiele, Gemeinschaftsräume, Fitnessraum, Gruppen PC und TV. Außerdem haben die Kinder- und Jugendlichen die Möglichkeit, Freizeitvereine wie z.B. Fußballverein, Handballverein, Basketballverein, Schützenverein oder dem Reitverein aufzusuchen. Auch hier begleitet die Fachkraft gelegentlich um sich ein detailliertes Bild bezüglich des Kindes zu machen.

 

 

4. Kontakt zu den Kindeseltern/ Verwandtschaft
Ein nach wie vor für die Kinder prägender Bereich ist der Kontakt zu den Eltern und der Verwandtschaft. Der Großteil der Kinder – und Jugendlichen kommt aus schwierigen Familienverhältnissen. Für die heilpädagogische Fachkraft ist es von großer Bedeutung, wie die Kindeseltern mit ihrem Kind umgehen. Somit ist es ebenfalls wichtig, zu erfahren, wie das Kind bei den Kindeseltern lebt. Dazu finden ein Hausbesuch mit anschließender Anamnese (siehe Punkt 4) im elterlichen Haushalt statt. Ziel ist es, eine Zusammenarbeit mit den Kindeseltern herzustellen. Dazu nimmt die Fachkraft nicht die Rolle des Beraters ein, sondern sieht die Kindeseltern als Fachkundig im Umgang mit dem Kind an.

 

 

5. Therapie
Sofern sich ein Kind bereits in therapeutischer Begleitung befindet, wirkt die heilpädagogische Fachkraft hier unterstützend. Gewonnene Erkenntnisse aus den Spielstunden, Gesprächstherapie, Elternkontakten, Schulkontakten oder dem Freizeitverein können dann an den zuständigen Therapeuten weitergeleitet werden.

 

 

6. Gespräche in den jeweiligen Teams
Die heilpädagogische Fachkraft macht es sich zur Aufgabe, sämtliche Mitarbeiter, welche mit dem Kind zusammenarbeiten, ausreichend aufzuklären. Dazu finden in regelmäßigen Abständen Gespräche in den Teambesprechungen statt. Hier werden Beobachtungen und Reflexionen aus den Spielstunden transparent gemacht. Auch werden sämtliche projektive Verfahren sowie der heilpädagogische Befundbericht für alle Mitarbeiter zugänglich gemacht.